Ende oder Anbruch

Es war einmal ein Vater, der mit seinem kleinen Sohn in ein fernes Land reiste.

Sie stiegen auf den Gipfel eines Berges, wo sie die Nacht in einer Hütte verbrachten. Als der Morgen dämmerte, vertrieb die Sonne die Dunkelheit und färbte die schneebedeckten Berggipfel mit helleuchtendem Rot.

Der Sohn erwachte. Er sah den glühenden Himmel und die flammen-farbenen Bergesgipfel.

Er war ein kleiner Bub und konnte nur durch den oberen Teil des Fensters hinausschauen.

Er verstand nicht den hellen Glanz, der ihn erschreckte.

Er sehnte sich nach der Geborgenheit von früher, als er noch zu Hause bei seiner Mutter gewesen war,

und er wünschte, er hätte diese Reise nie unternommen.

Er glaubte sicher, daß es an dem fremdartigen neuen Himmel nur Unheil und Feuer gebe.

Die aufsteigende Sonne erwärmte den Schnee, der so lange Zeit kalt und festgefroren am Bergabhang gelegen hatte.

Sie löste die Schneemassen und sandte sie als donnernde Lawinen ins Tal hinab.

Das furchtbare Dröhnen erschreckte den kleinen Sohn noch mehr als der flammende Himmel.

Er lief zu seinem Vater und schüttelte ihn. Er weckte ihn auf und schrie:

"Vater, Vater. Wach auf! Wach auf! Das Ende der Welt ist da!"

Der Vater öffnete die Augen. Er konnte alles deutlich durch das Fenster sehen,

daß noch zu hoch war für die Augen seines Sohnes.

Er sah die von der Sonne gefärbten Berggipfel in ihrem Morgenfeuer.

Er hörte das Donnern der Lawinen, die von den wärmenden Strahlen der Frühlingssonne gelöst wurden.

Er wußte, daß die Schneemassen bald frisches Wasser und neues Leben in das ausgetrocknete Land da unten bringen würden.

Er verstand diese Dinge. Er nahm seinen Sohn an die Hand, um ihn zu beruhigen.

 

"Nein, mein Sohn, sagte er, es ist nicht das Ende der Welt. Es ist der Anbruch eines neuen Tages".

(Nach W. Sears aus N. Peseschkian: auf der Suche nach Sinn)